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Rundgang durch die Ausstellung der britischen Bildhauerin Rachel Whiteread mit Nina Prader

25. Oktober 2018

Nina Prader

In absence, there is presence

Schoah Mahnmal, ausbetonierte Häuser und Wärmeflaschen: Die Künstlerin Nina Prader ging mit Craftistas ins 21er Haus zur Rachel Whiteread Ausstellung.

„Rachel Whitereads Denkmal am Wiener Judenplatz veränderte international den Diskurs zu Holocaust-Mahnmälern – hin auf das Konzeptuelle. Whiteread  ging es um Leerstellen, sie wollte das Unsichtbare sichtbar machen“, sagt Nina Prader, die extra aus Berlin angereist ist, um mit uns einen Rundgang zu machen -  vor einem Modell des Wiener Mahnmals für die österreichischen jüdischen Opfer der Schoah stehend. Am letzten Öffnungstag der Ausstellung der britischen Bildhauerin Rachel Whiteread gönnten sich Craftistas-Mitarbeiterinnen und andere BesucherInnen eine Privat-Führung im 21er Haus, in der Nähe des Wiener Hauptbahnhofes. „Whiteread macht mit Materialien wie Gips und Quarz das Unsichtbare sichtbar. Sie zeigt Negative her und wandelt sie in Positive um.“ Whiteread lehnt sich an die Tradition der MinimalistInnen an, ihre minimalistische Bildhauerinnen-Sprache würde „durch den Menschenbezug verkompliziert“, meint Prader. Das Mahnmal am Judenplatz mit den nach außen gedrehten Büchern kann man nicht begehen. „Five years of Hell“ machten die Vorbereitungsarbeiten aus, so Rachel Whiteread in einer Rückschau. Sie wurde damals massiv von der FPÖ angegriffen, aber von Simon Wiesenthal unterstützt.

Tempeleskes Mahnmal

 „Das Mahnmal ist tempelesk. Das Buch steht für den jüdischen Glauben“, erklärt Prader. „Seit der Zerstörung des Tempels 70 nach Christi gibt es keinen Schauplatz mehr, um seinen Glauben in Form von Opfergaben zu praktizieren. Buch und Schrift wurden zum Symbol des Glaubens. Den Sehnsuchtsort des Tempels gibt es noch immer. Es gibt auch den Gedanken des Tikkun olam (Übersetzung in etwa „Reparatur der Welt“): Wo du stehst, soll der Mensch Gutes und Konstruktives tun.“ Kurt Waldheim hatte jahrelang gegenüber dem Schoah-Mahnmal seine Wohnung! Nina Prader entwickelte und zeichnete selber ein Memory-Spiel, bei dem MitspielerInnen zur NS-Zeit assoziieren. Neue Erinnerungen erhalten Raum, die den ausgetretenen Familien-Erinnerungs-Pfaden entwischen. Es entsteht etwas Gemeinsames, schwer zu Greifendes, viele fühlen sich aufgehoben.

Abgezogene Häuser

Zu den Fotos von dem leerstehenden Haus in London („House 1993“), das Whiteread von innen her ausbetonierte, spricht Nina Prader von, „Vergessenen Häuser, die nicht mehr ihre Funktion erfüllen, die dürfen sich dann wieder Raum nehmen.“ „Häuser abziehen“, nennt Craftistas-Mitarbeiterin  Bettina die Methode, alte Häuser mit „Grabstein-Beton“ auszufüllen und ihre Außenhäute zu entfernen. „Das musst alles erst einmal einschmieren“, meint die Handwerkerin und Lehmbau-Künstlerin ehrfürchtig. „Auch in ihren betonierten Schrankobjekten geht es um eine Flucht in eine Fantasiewelt. Als Kind versteckte sie sich oft im Kasten“, sagt Prader. Eine Reihe von veränderten Wärmeflaschen gefällt ihr selber am besten (z. B. Untitled/Torso, 1992/93). „Das Ding wird zur Konfrontation, schon kleine Objekte können eine Aura haben“, sagt Nina Prader.

Epilog

Am ehemaligen Güterbahnhof Berlin Moabit steht eine Brücke, von der aus die Berliner in der Nazizeit die Deportationen beobachten konnten. Nina Prader arbeitete am Zentrum für Kunst und Urbanistik im Studio 1 als Künstlerin und befasste sich dort mit der Bahnhofsgeschichte. Es gibt zwei künstlerische Mahnmäler zum Gedenken der Opfer des Nationalsozialismus. Einmal ein klassisches Denkmal von Volkmar Haase und ein neues konzeptionelles von raum-labor: ein kleiner Birken Hain mit einem kleinen Gleis im riesigen Deportationsgebiet. Die Moabiter Synagoge Levetzowstraße wurde damals als NS-Sammellager missbraucht.

Memory Games ist bei Interesse buchbar:
http://www.ladylibertypress.org/About-Nina-Prader

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