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Theresienstadt war eine Festung - Lehmworkshop mit Helga Pollak-Kinsky

25. Oktober 2018

Vergängliche Skulpturen

Schalen mit Löchern im Boden, fragmentarische Ton-Teile, verschrobene Figuren – das Workshop-Thema „Vergängliche Skulpturen“ wurde sehr unterschiedlich angegangen. Die KZ-Überlebende und Schülerin der Malerin Friedl Dicker-Brandeis, Helga Pollak-Kinsky, kam zu Besuch.

„Theresienstadt war eine Festung im Niemandsland, sie wurde ursprünglich gegen die Preußen errichtet“, erzählt Helga Pollak-Kinsky. „Es war sehr kalt da, es gab Schnee. Wir kamen im Januar an, es gab keine Fenster, nur so Bögen. Ältere Menschen mussten auf dem Boden schlafen, sie hatten wenig Überlebenschancen.“ Die KZ-Überlebende Pollak-Kinsky ist nach Ottakring in die Werkstatt zu Craftistas gekommen - ihr zu Ehren wird ein Lehmbau- und Ton-Workshop veranstaltet, den sie sich schon lange wünschte. Schrieb das Mädchen in Theresienstadt noch eifrig Tagebuch, so wurde sie mit vierzehn Jahren nach Auschwitz geschickt. Dort hörte das Schreiben komplett auf, um nie wieder zurückzukehren. Ihr in Theresienstadt zurückgebliebener Vater Otto versteckte das Tagebuch - eben ihre Briefe an „Bruder Spinne“ - bis das Mädchen 1945 aus Auschwitz nach Theresienstadt zurückkehrte. So blieb es erhalten. „15.000 Kinder lebten zwischen 1941 und 1945 vorübergehend im Ghetto Theresienstadt. Die meisten von ihnen kamen mit einem der Transporte nach Auschwitz-Birkenau oder in andere Vernichtungslager. Nur etwa 1000 dieser Kinder erlebten das Ende des Krieges. Über 14.000 Kinder wurden ermordet, darunter einige der Mädchen von Zimmer 28. Ich denke oft an sie“, schreibt Helga Pollak-Kinsky in ihrem Buch „Mein Theresienstädter Tagebuch 1943-1944“.

Die Wiener Elektrische

Die kommunistische Malerin und Vorläuferin als Kunsttherapeutin, Friedl Dicker-Brandeis, malte mit den dreißig Mädchen im berühmten Zimmer 28 mit seinen 30 Quadratmetern. „Es gab einen ungehobelten Holztisch in der Mitte des Zimmers und rohe Bänke. Es konnten nicht alle sitzen. Wir wechselten uns ab“, erzählt Helga Pollak-Kinsky, die „immer ganz krank vor Angst war, dass die Stunde zu Ende“ sei. „Dicker-Brandeis wollte nicht nur die Erschütterungen im Bewusstsein der Kinder aufdecken, sondern es wiederherstellen“, steht in dem Buch „Friedl Dicker-Brandeis. Ein Leben für Kunst und Lehre“ von Elena Makarova. „Sie wollte immer, dass wir positive Sachen malen, es ging ihr um Selbstwertgefühl und Wohlbefinden. Wo wir gerne sein wollten, ich zum Beispiel in einem Zelt in freier Natur. Ich malte den Markt von Gaya und im Hintergrund die Wiener Elektrische“, lacht Helga Pollak-Kinsky. „Ich sah aus den Bögen heraus auf das kleine Erzgebirge, wir waren ja weit oben, Dörfer, Kirchen…Freiheit.“ Nach der Stunde sammelte Friedl Dicker-Brandeis immer die Zeichnungen ein, denn es gab keinen Platz um sie aufzuhängen. Die Wände waren mit Stock-Betten vollgestellt. 5000 Kinderzeichnungen aus Theresienstadt blieben erhalten, doch es haben nur wenige Kinder überlebt.

Vergängliche Skulpturen

Bei Craftistas nannte sich die Arbeitsidee für den Workshop „Vergängliche Skulpturen“. Dem Thema Vergänglichkeit von Menschen werden vergängliche Skulpturen gegenüber gestellt. So wie in Israel sehr viele rostige Denkmäler aus den 70-er Jahren zu finden sind, die ihre Oberfläche verändern. Auf eine Art lebendig und veränderbar bleiben, auf der anderen Seite aber auf eine gewisse Weise ständig vergehen. Eine Workshop-Besucherin macht viele kleine verschrobene Figuren, eine andere kleine Vasen mit echten Blumen drin, die sie im öffentlichen Raum aussetzen will. Eine junge Frau erstellt eine Vase aus Hunderten von Kleinteilen, die wie Blätter aussehen und Helga Pollak-Kinsky eine Art Behälter. Eifrig ist die freundliche, ältere Dame am Werken, sie sucht sich die verschiedenen Tonfarben aus, die die Anleiterin Bettina Fabian einbrachte. Eine Besucherin, die ihre Uroma - eine bekannte Malerin, Komponistin und Schriftstellerin - in Theresienstadt verlor, ist ebenfalls am Schalen-Bau. Ihre Kinder tauchen im Laufe des Tages in der Werkstatt auf. Eine Tochter kam als erstes in der Früh, sogar ohne Frühstück. Die Oma der Frau flüchtete in die Schweiz, die Kinder waren auf einem Bauernhof versteckt. Der Opa war einem Herzinfarkt erlegen, als die Nazis kamen.

Suche nach Material

„Schon 1934 wurde in unser Cafe Palmhof auf der Mariahilfer Straße eine Bombe gelegt. Vom NSDAP-Leiter des 15. Bezirks. Ich schlief in der Wohnung obendrüber“, erzählt Helga Pollak-Kinsky, die damals vier Jahre alt war. Glücklicherweise passierte nicht viel, es wurden aber sämtliche Fenster in der Umgebung eingedrückt. Im Jüdischen Museum wird es demnächst eine Ausstellung zum Cafe Palmhof geben. Dafür sucht sie noch Tonaufnahmen, denn Konzerte wurden im Radio live übertragen, der RAVAG-Wagen stand oft vor der Tür. Die Ausstellung „Voices oft the Children“ wird bald im Wiener Volkskundemuseum stattfinden, dort werden auch einige von Helgas Kinderbildern in Reproduktion zu sehen sein. Es geht um Kunst als Überlebensstrategie.

Helga Pollak-Kinsky: Mein Theresienstädter Tagebuch 1943-1944 und die Aufzeichnungen meines Vaters Otto Pollak. Edition Room 28, 2014

Elena Makarova: Friedl Dicker-Brandeis: Ein Leben für Kunst und Lehre. Wien, Weimar, Prag, Hronov, Theresienstadt, Auschwitz. Verlag Christian Brandstätter, Wien, München 1999

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