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Schaumstoff ist keine Herausforderung

18. Dezember 2018

Ein Porträt der Wiener Möbel-Tapeziererin Ida Divinzenz

Warum jetzt mehr Frauen den Beruf der Möbel-Tapeziererin ausüben? „Er ist weniger lukrativ geworden“, meint Ida Divinzenz. „Wo es wenig Geld gibt, steigen Frauen ein.“ Ein Porträt der Bildhauerin und Möbel-Tapeziererin.

Inzwischen ein Frauenberuf

Leere Stuhlgestelle, alte Nägel am Boden, eine alte Pfaff Nähmaschine. In den Fenstern des Ateliers der Möbel-Tapeziererin Ida Divinzenz stehen Sesselgestelle aus Holz. Man schaut in einen kleinen Garten hinaus. „Polstern ist ein deutscher Begriff“, sagt die gelernte Bildhauerin, die schon in vierter Generation aus einer Möbel Tapezier-Familie kommt. „Wir in Österreich verwenden eigentlich den Begriff Tapezieren, der aus dem französischen Tapessierie stammt. Eines der bekanntesten Möbel der Nachkriegszeit ist der ‚Bulli‘, er war das erste soziale Möbel, dass in einem einfachen Haushalt zu finden war. Heute kennt man diese meist grünen Sessel aus den Studenten Wg´s.“ Ein Stuhl steht mit umkleideten Füssen wie Socken da. Oberhalb liegen in einem Gestell große Garnrollen.

Wir waren 2015 der erste Lehrgang, in dem mehr Frauen als Männer zur Meisterprüfung antraten“, erzählt Ida Divinzenz, „In den 70er Jahren gab es zwar eine Innungsmeisterin, sie war aber die Ausnahme. Für die meisten von uns bedeutete die Tapeziererei die zweite Ausbildung, wir hatten alle schon eine höhere akademische Ausbildung.“ Warum jetzt mehr Frauen diesen Beruf ausüben? „Er ist weniger lukrativ geworden“, meint Ida. „Es gibt eine starke Konkurrenz aus den Nachbarländern. Wo es wenig Geld gibt, steigen Frauen ein. Früher war die klassische Polsterei ein typischer Männerberuf mit starken körperlichen Arbeits-Ansprüchen. Man brauchte viel Zug- und Spannkraft. Frauen möchten heute eher erhalten, renovieren - sie kümmern sich vorrangig um den Stoff.“

Keine Webereien oder Maßarbeit mehr

Heutzutage baut der Tischler Holzstühle mit Schaumstoff drauf, es wird so gut wie keine Feder-Polsterung mehr verwendet, und keine Metall-Federn: Früher war ein Sessel Maßarbeit und passte sich an die Körpergröße der Besitzerin an, heute gibt es flache Sofa-Landschaften. „Wir sind den Maß-Sessel gar nicht mehr gewohnt.“ Das hört sich nach Verlust an. „Die Weichheit, das Taktile, das Sensuelle für den ganzen Körper wurde in den 60er Jahren weg rationalisiert. Die sehr hohe Präzision mit den Händen verschwindet heute in den glatten Oberflächen.“ Die Stoff-Firmen-Szene ist sehr im Umbruch. Großkonzerne kaufen Markennamen und produzieren die verschiedensten Materialien und Qualitäten alle in Großbetrieben, das bedeutet, das die Webarten nur nach Effizienz und Preis verwebt werden, alles wird sozusagen über einen Kamm geschert. Die Österreichischen Webereien sind schon lange verschwunden, nur die venezianischen Webereien produzieren noch, hochtechnologisiert und sehr teuer. „Bei den alten Sesseln hielt der gute Stoff den ganzen Stuhl zusammen“, lacht Ida, „wenn der Stoff runter kommt, zerbröselt es den Sessel“.

Rosa Biedermeier-Stoffe

Ida Divinzenz interessiert sich sehr für die geschichtlichen Epochen und besitzt ein großes Wissen dazu. So weiß sie, das die josefinischen Sitzmöbel sich stark an den Franzosen orientierten und Thonet, Hofman, Loos versuchten, etwas „neues Österreichisches“ in Bezug auf Sitzmöbel herzustellen. „Der einfache Arbeiter orientierte sich nach ihnen. Bullis hatten eben auch Arbeiter. Die Arbeiter hatten damals kein Sofa, sondern ein Bett und einen Bulli.“

Frauen wurden in der Geschichte speziell behandelt: „Die Jahrhundertwende war einerseits innovativ und neu in Bezug auf Design und rückständig im Frauenbild, was sich an den Biedermeierstoffen für die Damenzimmer zeigt“, meint Ida Divinzenz. „Die Damenzimmer waren zum Beispiel auch nach dem Biedermeier in Stoffen aus dem Biedermeier gehalten, in Österreich mit kleinen Blumen drauf, oder mit Streifen – die französische Version in der Zeit von Napoleon waren Lorbeerkränze. Die Herrenzimmer wirkten schwer in dunklen Ledermöbeln. Zusätzlich gab es noch den Salon und ein Speisezimmer. Alles war handgenäht, das kann sich halt nicht jeder leisten.“ Ansonsten seien die Wiener Werkstätten aber in Bezug auf Technologie und Ästhetik schon fortschrittlich gewesen.

Stoffe verschwinden

Schon Idas Urgroßvater hatte ein Tapezier-Geschäft in einem kleinen Ort, damals waren immer Männer die Chefs. Ihre Eltern arbeiteten dann beide auf Augenhöhe in dem Geschäft. „Mich interessieren vor allem die alten Techniken, ich respektiere die“, meint die gelernte Bildhauerin. „Schaumstoff ist keine Herausforderung. Ich nehme diesen ‚Pfusch‘ herunter. Man muß die richtige Form finden, das Material. Die Kunden und Kundinnen schätzen das, die wollen über den Stoff reden, richtig restaurieren.“ Sie zeigt ihre zum Teil antiken Stoffe her. Wunderschön sind die. „Wir fliegen nach Paris, suchen richtig gute Firmen“, strahlt sie. „Es braucht meist nur wenig Material, zum Beispiel einen Laufmeter, der ist dann aber teuer.“ Sie selbst lernte in der Modeschule von den Stoffen und recherchiert bis heute sehr viel. „Gewisse Stoffe gibt es nicht mehr, bedruckte französische Chintze zum Beispiel. Die werden aufgekauft und dann nicht mehr produziert. Die Branche ist im Umbruch. Viele große Stoff-Firmen sind im Konkurs, ihre Namen wurden aufgekauft. Das Positive an der Globalisierung ist aber, dass auch kleine Firmen jetzt international arbeiten können. So beziehen wir spezielle Drucke aus Schottland.“ Frauen suchen sich eher einen Weg in Richtung Kunst. Ida baut Objekte aus Papier, Linoleum und stehende Skulpturen aus Bodenmaterial. Die schauen wie eine Familienaufstellung aus. Sind sie vielleicht auch.

https://idadivinzenzatelier.com/

www.idadivinzenz.com

Dieses Portrait entstand im Rahmen der Workshopreihe "Frauen*portraits erleben", welche von der MA57 FrauenStadt Wien gefördert werden und wurde beim Workshop "Polstern" vorgestellt.

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