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„Die Folklore begann erst in Österreich“

18. Dezember 2018

Die Schlagzeugerin Maria Petrova erzählt über ihren Werdegang und über Cajons, die Trommelkisten der afrikanischen Sklavinnen in Peru

„Mit der Zeit fühlen sich die Sticks wie eine Verlängerung der Arme an. In den Händen hat man aber ein ganz anderes Gefühl, der Zugang ist natürlicher und ich habe direkten Zugriff auf das Instrument“, sagt Maria Petrova. Sie ist eine der wenigen Schlagzeugerinnen, die genauso locker und souverän mit ihren Händen spielt, wie mit den Drumming-Stecken. Ansonsten bleibt die Trennung oft strikt - Schlagzeugerinnen hier, Bongo Spielerinnen da. In der Werkstatt der Craftistas sollte es aber um Cajons gehen, denn solche wurden selbst gebaut. Die Tischlerin Ela Noack hatte uns Bausätze vorbereitet, es gab aber noch genug zu tun, mit den Snare Teppichen einfügen und leimen und so. „Das Cajon wurde von afrikanischen Sklavinnen und Sklaven in Peru erfunden“, erklärt Maria Petrova. „Die Kolonialherren nahmen denen die Instrumente weg. Dann trommelten sie eben auf Gemüse- und Teekisten. Man kann doch nicht einfach Sklaven die Musik wegnehmen.“

Die „Damenformation“ Nightfall

Mit nur achtzehn Jahren zog Maria Petrova alleine aus Bulgarien nach Österreich. Die Zeit des Übergangs in Bulgarien, der Transition vom Kommunismus auf den Kapitalismus deprimierte sie: „Es kam zu einem kulturellen Sturz nach dem Ende des Kommunismus. Die Rock und Jazz Klubs sperrten alle zu, die erhielten keine Förderung mehr. Ich wollte nur noch weg, am liebsten natürlich in die USA.“ Über Wien als Ort zum leben war sie sich anfangs nicht sicher. Sie hatte Schlagzeug mit vierzehn Jahren begonnen und spielte nach nur zwei Monaten Privatunterricht in der „Damska formatija“, der Frauenband „Nightfall“. Der Name leitete sich von einem Science Fiction Roman vom Isaac Asimov ab.

In Wien entdeckte sie als erstes neues Instrument das Cajon, ihr Freund schenkte ihr 2001 das allererste Fabrik-Cajon, das herauskam. Sie begann mit einer Flamenco Band, eine Musikrichtung, in der sich das Cajon schon lange etabliert hat und sich weiter entwickelt. Sie interessierte sich aber auch sehr für afrikanische Polyrhythmen, die nach einem Zyklus funktionieren und gar nicht nach der Mathematik. „Ich weiß nicht, was ich noch nicht ausprobiert habe“, lächelt sie, „nur eine ganz klassische afrikanische Band hatte ich nie.“ 

Folklore made in Austria

Mit zwanzig Jahren begann Maria Petrova bei der berühmten Wiener Tschuschenkapelle zu spielen. „Ich hatte nie bewusst Folklore Musik gehört“, sagt sie heute dazu. „Nur auf Hochzeiten oder im Fernsehen. Aber es gefällt mir. Denn die Leute leben die ursprüngliche Musik.“ Und mit einem Lachen folgt der Nachsatz: „Mich interessierte die Folklore mehr, als ich nach Österreich gekommen bin.“ Bei der tollen bulgarischen Trommel Tupan habe sie das Gefühl „das kommt von unten“. Aus dem „Volk“, aus dem Herzen sozusagen.

Eine Frau hat ihre mit Rosen bemalte Rahmentrommel mitgebracht, die sie in einem Lebensmittelgeschäft kaufte. Maria hat ihre eigene Rahmentrommel ebenfalls dabei. Ihr Auto ist voll mit Instrumenten. „Zum Balkanesischen in der Tschuschenkapelle hatte ich anfangs einen schulischen Ansatz“, gesteht sie ein. „Das störte die, in Folge lernte ich sehr viel von denen. Es geht um Akzente und tanzbaren Groove in der Musik.“ 

Nun spielt sie bei Madame Baheux, ihrer Wiener „Damenformation“, die gerade eine neue CD herausgebracht hat. „Ich habe es gerne, wenn die Musik ein bißchen lebt, wenn man drinnen etwas bewegen kann. Bei der Folklore finde ich die Rhythmen interessant. Sachen dekonstruieren und neu zusammen bauen. Improvisieren, so das etwas Neues entsteht.“ Bei Craftistas beginnt Maria Petrova ebenfalls eine Cajon zu bauen, denn sie interessiert sich für Handwerk, muss dann aber zu einem Konzert aufbrechen. Beim Werkstatt-Konzert zwei Tage später folgen ihr ein paar Cajon-Neulinge begeistert. Maria Petrova schenkt viel Energie her und verausgabt sich ziemlich. Weihnachten ist.

 

Dieses Portrait entstand im Rahmen des Projekts „Künstlerinnenporträts in Theorie und Praxis“, welches von der MA7 Wien Kultur - Bildende Kunst gefördert wurde.

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