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Lebenswörtchen statt Sterbenswörtchen - Natalie Deewan über Brigitta Falkner

03. Februar 2019

Die Schrift-hin-und-her-Stellerin Natalie Deewan referierte über die Anagramm- und Palindrom-Künstlerin Brigitta Falkner

„Wir werden uns dem nächsten Spaß auf die Schliche machen“, sagt Natalie Deewan, die Buchstabenkünstlerin, voller Vorfreude. Alle lachen.

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Der Höhepunkt der Anagramme in den 80er Jahren

Bei der Veranstaltung zum „ABC der Stadt“ geht es um „regelgebundene Poesie“ und „methodische Dichtung“. Um Anagramme und Palindrome! Die zeitgenössische Wiener Schriftstellerin Brigitta Falkner, von der Natalie Deewan ein höchst lebendiges Porträt gestaltet, ist ein Unikat in ihrem Bereich. Falkner widmet sich der „methodischen Dichtung“, was bedeutet, das sie die „Methoden übertölpelt“, „diese ganze strenge Dichtung ironisiert“.  Dichter Gerhard Rühm wirke neben ihr wie ein „vom heiligen Ernst“ Besessener. „In den 80er Jahren gestaltete sich der Höhepunkt des Anagramms“, erklärt Natalie Deewan. Falkner zeichnet und schreibt und versteckt ihre Buchstaben in Zeichnungen. Sie löst alles auf, bei ihr bleibt kein unschöner Buchstaben-Rest übrig. In dem frühen Anagramm Comic zu ihrem eigenen Namen aus dem Jahr 1989 steht manchmal „RAF“ an die Wand gesprüht, um diese Buchstaben unauffällig noch irgendwo im Bild unterzubringen. Auch sie ist ein Kind ihrer Zeit. Falkners Geschichten verwinkeln sich  in zahlreiche Nebenschauplätze, Spin Offs, Cruising Situations – ein ganzes Falkner-Universum tut sich auf.

Sei fies, tu erfreut

Auf dem großen Gemeinschaftstisch in der Craftistas-Werkstatt liegen mehrere Bücher zum Anschauen. Natalie Deewan verteilt kopierte Zettel. „Sei fies, tu erfreut“, steht auf einem. Jeden Halbsatz kann man auch von hinten lesen. Das nennt sich Palindrom. Manche Zuhörerinnen kriegen ein gekreuztes Hirn, oder überkreuzte Augen irgendwie. Kinder schreiben ja auch erst von rechts nach links, bevor sie umgestellt werden. Alte Erinnerungen funken Gehirnstränge an. „Tobrevier Schreiverbot“. „Anna, Novelle von Otto. Otto, Novelle von Anna.” Na, funkt’s schon?  Dann gibt es noch die Sonderform der Lipogramme: Das sind Texte, die auf einen oder mehrere Buchstaben des Alphabets verzichten, oft auf bestimmte Vokale. In dem monovokalischen Text „Prinzip i“ wird gleich auf alle Wörter verzichtet, die ein a, ein e, ein o oder ein u enthalten. „Zivilist mit Schild tritt ins Bild“, ist ein Satz daraus. In Falkners Text Comic „Au oder die methodische Schaube“ lautet der Lautaussparungsgrundsatz wiederum: nur Wörter mit A und U dürfen verwendet werden. 

Lauter Kopf-Bilder. Lauter Laut-Bilder. Bilder-Laute. Laute Bilder.

 

Finten finden

Am krassesten sind aber die SchriftstellerInnen, die den Lautaussparungs-Grundsatz verfolgen. Diese methodische Dichtung steht u. a. in der Tradition von OULIPO, der französischen „Werkstatt für potentielle Literatur“. Dabei ging es darum, die Möglichkeiten der Sprache und neue Methoden zu erproben. In dem Buch „La Disparition“ (in der deutschen Uebersetzung von Eugen Helmle: „Anton Voyls Fortgang“) gibt es zum Beispiel kein einziges E. Die Eltern von Georges Perec wurden im Holocaust ermordet und der Schriftsteller, der selber schon mit zweivierzig Jahren starb, schrieb „pour e“ (gesprochen wie „pour eux“ = fuer sie). „Les Revenentes“ (Die Wiederkehrenden) heißt ein anderes, komplementäres Buch von ihm. Auf französisch heißt die Todesurkunde seltsamerweise „Acte de Disparition“, merkt eine Zuhörerin an.

Wir übersetzen einen Krimi von Brigitta Falkner, der in sich buchstabenverdreht ist. Mit beinahe undurchschaubare Regeln. Erprobte Krimileserinnen können sich aber flott in die Sprache einfühlen. „Ulsch ik fiitel schu mil kum, külte ik Schtimmen.“ „Als ich wieder zu mir kam, hörte ich Stimmen.“ Als ich in der Werkstatt wieder zu mir kam, war die Veranstaltung bereits vorbei und mir stand der Mund noch immer offen. „Fu Fulem fil schteken kefliifem?“ „Wo waren wir steckengeblieben?“

 

Dieses Portrait entstand im Rahmen des Projekts „Künstlerinnenporträts in Theorie und Praxis“, welches von der MA7 Wien Kultur - Bildende Kunst gefördert wurde.

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