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Ich wollte mich nicht mehr ängstigen - Hedwig Presch

19. September 2019

Ein Gespräch über die Verbindungen von Geschichte und Biografie mit Hedwig Presch vom „institut für alterskompetenzen - entschleunigung und orientierung“

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Starke Frauen

„Mein erster großer feministischer Akt war, dass ich meinem vierzehnjährigen Bruder nicht mehr den Kakao machte. Sonst muss er die 20 Liter Erdäpfel für die Schweine herrichten, sagte ich ihm - eine faulige, dreckige Arbeit“, lächelt Hedwig Presch vom „institut für Alterskompetenzen“ in der Erinnerung. „Er machte das dann für die eine Tasse Kakao. Aber leider hat er mich erwischt, wie ich damit vor meinen Freundinnen angab.“ Ihre bäuerliche Mutter, für die die Lebensbedingungen schwieriger waren als für die Tochter, sagte dem Mädchen: „Wennst was lernst, dann brauchst nicht heiraten.“ „Das halte ich für einen feministischen Spruch. Sie wollte für mich ein anderes Leben als ihres“, meint Hedwig Presch heute. Wir sitzen in einem kleinen Park in Ottakring und um uns zischen die Rasenmähmaschinen mit lauter männlichen Piloten im Kreis. Es ist windig. „Ich weiß nicht, ab wann die Bewegung Feminismus genannt wurde, früher hieß es einfach: Starke Frauen. In den 70er Jahren in Salzburg gab es nur eine bürgerliche Frauengruppe, die Courage – der fühlte ich mich nicht zugehörig. Dort habe ich mich nicht hin getraut. Da habe ich zugewartet und dann bin ich nach Wien gegangen.“

 

Institution oder Autonomie

Die Frage nach einer proletarischen Frauenbewegung in dieser Zeit, beantwortet sie aufgeregt mit einer Gegenfrage: „Hat‘s so was geben? Hat es so etwas gegeben?“ Aber außer historischen Vorbildern fällt uns zu dem Thema nichts ein. Es gab damals noch andere Trennlinien zwischen den Frauen, unterschiedliche Konfliktachsen - wie, ob die jeweilige Frau hetero oder lesbisch war, oder autonom oder in einer Institution? Die Frauen, die in Frauenprojekten arbeiteten, galten damals als das Gegenteil von autonom. „Ich hätte uns Frauenprojekte gerne als autonom gesehen, die Projekte kamen ja aus der Autonomen Frauenbewegung“, meint Hedwig Presch heute. „ Aber bald wurde klar, dass da zu unterscheiden ist: In Frauenprojekten werden die Mitarbeitenden bezahlt und die Frauen setzen auf ihre ‚Professionalität‘, damit war es de facto vorbei mit der Begegnung in Gleichwertigkeit. In Frauenprojekten wird viel aufgegeben zugunsten der Gehälter. Projekte sind ein Terrain, das man sich viel genauer anschauen müsste. Immer wenn eine von gleicher Augenhöhe zwischen Klientinnen und Beraterinnen spricht, werde ich sehr skeptisch.“

Sie selbst arbeitete am Fleischmarkt, in dem berühmten Ambulatorium für Schwangerschaftsabbrüche. Zuerst nur als Ferial-Job Instrumente sterilisieren, dann in der Betreuung, sprich Anmeldung und Beratung. „Die Ordination wurde von einer Ärztin geleitet, die bei Problemen ihren Kopf hinhielt, aber sonst arbeiteten alles männliche Spitalmediziner dort, die nicht schlecht dazu verdienten und von denen nicht alle öffentlich dazu standen, dass sie Abtreibungen vornehmen. Auch in der Anästhesie nur Männer, aber rundherum alles Frauen. Ich begleitete die betroffenen Frauen in ihrer Ambivalenz. Eine sagte zum Beispiel, jetzt habe ich mit einer Klosterschwester geredet, jetzt passt es: Wir können abtreiben.“

Die Jungen heute würden auf einem anderen Level agieren, die würden denken, ihnen steht die Welt offen. Ihnen ständen aber auch tatsächlich mehr Zugange und Möglichkeiten offen. Hedwig Presch sieht kein Wiedererstarken des Feminismus, aber das Frauen Volksbegehren habe ein deutliches Zeichen gesetzt.

 

 

Handwerk oder Psychologie

„Mit dreißig Jahren wollte ich dann etwas Handfestes lernen. Der Psychologie-Beruf ging mir auf die Nerven. Ich war wild entschlossen Elektrikerin zu werden. Doch mit dem Argument, die Zementsäcke wären für mich zu schwer, wurde ich vom Elektriker abgelehnt. Im Winter war ich dann eh zufrieden, dass ich nicht als Elektrikerin arbeite (lächelt). Ich gab dann auf. Ich war halt zu früh dran und in der falschen Generation geboren.“ Kurz darauf folgt der Nachsatz: „Die schwere Arbeit war nicht so meins, denn ich wusste schon, was die bedeutet. Schon als Mädchen war ich erleichtert, wenn ich vom Feld habe weggehen können, um zu kochen oder so. Wohnungsrenovierung hätte ich schon machen wollen, also etwas über das Baustellendasein hinaus.“ Andere feministische Themen betrafen für sie: die Verteilung der Arbeit, die Armut, Klassismus. „Wenn die einen über die anderen bestimmen, da sieht man doch wer die Macht hat.  Das ist der Knackpunkt. Wer bestimmt? Das ist immer die Richtung, die ich mir genau anschaue. Das Muster der sozialen Verhältnisse.“

Das Thema „Gewalt gegen Frauen“ im Feminismus erschien ihr zu Beginn nicht so wichtig: „Um das Thema Gewalt gegen Frauen zu verstehen, habe ich aus meiner Biografie heraus lange gebraucht. Denn ich bin sehr religiös aufgewachsen. In der Einschicht bei uns gab es immer Warnungen vor Männern, die eigentlich Warnungen vor Sexualität bedeuteten. Ich wollte mich einfach nicht mehr ängstigen. Ich wollte endlich gehen, wohin ich will. Ohne Angst!“

Gerade jetzt interessiert sich Hedwig Presch für die Theorie der Intersektionalität, die sie so auslegt: „Die Diskriminierungen, die Feminismus und Antiklassismus thematisieren, addieren sich nicht, sondern es entsteht etwas Neues, es verändert sich etwas. Es geht um die Verschränkung verschiedener Abwertungen – und nicht um die Priorisierung der einen über die andere. Ich kapiere immer schnell was läuft, wenn ich der Spur der Diskriminierung folge.“

 

Dieses Portrait wurde gefördert von der MA 57

 

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