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Verweigerung, Rückzug und Kunst waren der Protest - Ula Schneider

19. September 2019

Die SOHO in Ottakring-Begründerin Ula Schneider wuchs in den USA auf. Dort kam sie zum ersten Mal in Kontakt mit eigentümlichen Frauen, die sie heute Feministinnen nennen würde.

 

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Women on Construction

 

Bei einer Veranstaltung in Washington, D.C. sah ich weiße bullige Frauen, die Leiberl mit der Aufschrift ‚Women on Construction‘ trugen. Die plädierten dafür am Bau zu arbeiten, das war ihr Begehren. Das Anliegen hat mich beeindruckt, und ich fand es toll, dass die sich dafür eingesetzt haben, Rollenbilder aufzubrechen.“ Sie lächelt ob der Erinnerung. Wir sitzen in ihrer gelben Küche am Brunnenmarkt, die Abendsonne scheint herein. In der Deutschen Schule Washington hörte Ula Schneider nichts von Feminismus und ihre Herkunfts-Familie war eher klassisch angelegt. „Meine Eltern lebten die klassische Frau/Mann-Rollenverteilung, in der Mittelschicht war das in den Familien stark verbreitet. Ich bekam das mit, in patriarchalen Strukturen zu leben, aber es hat mich immer irritiert. Was mir stark fehlte, waren Rollenbilder für Mädchen. Außer der Sportlehrerin gab es hauptsächlich männliche Lehrer. Habe mich immer zu starken Frauen hingezogen gefunden.“ Das nächste Lächeln. Ihr Ventil noch in den USA war ein freies Radio von AfroamerikanerInnen, mit starker Identität und viel Jazz.

 

 

Einsamer Zugang

„Österreich fand ich dann eher konservativ. Alle hatten so eine Art Lodenmantel an. Ich war irritiert, als ich einen jungen Mann sah, der einfach irgendwohin pinkelte. Das gab es in den USA nicht. Meine Familie hatte diese Runtermache-Art und dadurch blieb mir lange das Gefühl, weniger wert zu sein als Frau. Ich wollte lieber ein Bub sein, um mehr respektiert zu werden.“ Auf die Frage, wie sie sich so einsam ohne einen Zugang zu Mädchen- oder Frauenbewegung und ohne Vorbild wehrte, meint sie: „Ich habe eher in Form von Verweigerung und Rückzug protestiert, später mit der künstlerischen Arbeit. Die Gefahr, ausgeschlossen zu werden bestand immer. Das Handwerkliche habe ich mir dann über die Kunst angeeignet. Wenn ich keine Unterstützung bekomme, mache ich es halt selber, war mein Zugang bis heute. Bei Problemen wusste ich immer, ich verfüge über genug Stärke, um das alleine zu ändern.“

Bei der Kunst stand ihr einerseits zu stark die Bezeichnung „Frauenkunst“ im Vordergrund, andererseits missfiel ihr auch das männliche „Künstler-Genie“. Sie breitet die Arme aus: „Da stand ich dann beim Nitsch Dreitages-Spiel vor dem Gemälde mit den Aposteln und einer einzigen Frau mit einem Embryo im Bauch. Na ja, wieder eine Männerpartie!“ Sie meint, dass viele Themen wie z. B. Kinderbetreuung nicht zu Ende gedacht werden. „Ich war mehr auf der Suche, was die Kunst betrifft.“

 

Gutes Umfeld suchen

„Ich sehe mich schon als Teil von jenen, die das machen, was sie wirklich machen wollen“, resümiert Ula Schneider, die es ganz alleine geschafft hat. „Mädchen und Technik sollten viel stärker forciert werden, auch in der Schule, damit das Thema sichtbarer wird und damit Mädchen sich mehr zutrauen.“ Auch zum Thema „Gewalt gegen Frauen“ fallen ihr als erstes Runtermache und verbale Erniedrigung und Demütigung ein: „Sexismus geht ja in alle Richtungen. Das Gefühl nicht ernst genommen zu werden, ist omnipräsent. Heute ignoriere ich manche Leute oder spreche dieses Verhalten an. Es gibt teilweise mehr Sensibilität dafür und weiterhin ist es so, dass ich eben mein Ding mache. Man muss sich ein unterstützendes Umfeld suchen, und gute Leute findet man schon.“ Ihre tolle Arbeit in Ottakring bzw. nun in Sandleiten gibt ihr bestimmt Auftrieb. „Viele sind unglücklich in ihren Strukturen, wissen aber nicht, wie sie die ändern sollen, dass es von ihnen selbst abhängt. Aber es hat auch bei mir lange gebraucht, mich aus alten Mustern heraus zu bewegen. Ich konnte dann meinen beiden Töchtern und meínem Sohn etwas Neues mitgeben. Das ist ja das Tolle, wenn man Kinder hat, kann man etwas ändern.“

In der Kunst des Feminismus gefallen ihr Cindy Sherman und Tracey Moffat, die „über die Körperbetonung hinausgehen und eine Ironie hinein bringen. Und auf keinen Fall eine Opferrolle einnehmen.“

Dieses Portrait wurde gefördert von der MA 57

 

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