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Elektroberatung von Frau zu Frau - Käthe Böhm

19. September 2019

Die erste Elektrotechnikerin Österreichs hieß Käthe Böhm. Sie studierte ab 1919 in Wien und musste vor den Nazis flüchten.

 

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Elektrotechnik im Dienst der Frauen

 

Käthe Böhm wollte die faszinierende Welt der Elektrotechnik ganz in den Dienst der Frauen stellen. Vor allem der Haushalt war ihr wichtig. Viele Wiener Haushalte waren damals noch gar nicht an das Stromnetz angeschlossen. Das wollte sie ändern. In Bewerbungen, später in ihrem Leben, schrieb sie hinein: „Ich bin die erste und letzte Elektrotechnikerin Österreichs“.

Böhm war die erste Elektrotechnikerin, denn erst 1919 durch eine Verordung des Staatssekretärs für Unterricht durften Frauen überhaupt an der technischen Hochschule inskribieren. Stolze hundertundvier Jahre also nach der Gründung der technischen Hochschulen.

Käthe Böhm wurde 1900 in Mährisch-Ostrau als jüngstes Kind einer deutschsprachigen jüdischen Familie geboren. Wie ihre drei Brüder und ihre Schwester studierte sie in Wien, die Brüder mussten aber wegen des Ersten Weltkriegs unterbrechen. 1919 immatrikulierte Böhm an der Maschinenbauschule der TU Wien und legte bereits zwei Jahre später die Staatsprüfung ab. Dann studierte sie Elektrotechnik weiter und bestand 1925 die dritte Staatsprüfung als erste Frau Österreichs. Erst 1939 folgte ihr die zweite Kollegin in Elektrotechnik nach.

 

 

Elektrifizierte Musterküche

 

Auf der Wiener Mariahilferstraße unterhielt Käthe Böhm eine Musterküche, in der sie ihre Geräte vorführte. Sie widmete sich eben der Haushaltselektrifizierung und der technischen Beratung von Hausfrauen und Architekten. Frauen hatten damals viel Arbeit und wenig Rechte. In der ersten Republik gab es sogar noch verschiedene Wahlkuverts – blaugrau für Männer und hellgrau für Frauen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieg auch noch, wirft beim Workshop „Elektroinstallationen“ die 94jährige Evamarie Kallir ein, unser Ehrengast. Ende der 60er Jahre waren die Frauen-Kuverts auch noch rosa!

1933 hob Bundeskanzler Dollfuß die Gleichberechtigung im Bundesverfassungsgesetz wieder auf. „Rekatholisierung und Remaskinulisierung prägten die austrofaschistische Hochschulpolitik“, steht im neuen Buch „100 Jahre Frauen an der Technischen Universität Wien“ von Margarete Szeless und Marion Krammer. 1938 wurden 2655 Studierende von der TU ausgeschlossen, darunter die jüdische Kommunistin Ruth Zerner, die ebenfalls Elektrotechnik studierte und nach Großbritannien floh. Auch Käthe Böhm musste mit ihren Eltern nach Haifa flüchten, wo sie ein Büro für technische Beratung unterhielt. Sie starb leider schon 1942 an schwerer Gelbsucht.

 

USA als Vorbild

Die Elektrifizierung der Haushalte war so ein Erfolg, da die breiten Mittelschichten nicht mehr über Dienstpersonal verfügten und die bürgerlichen Frauen selber erwerbstätig waren. Die Dienstmädchen waren schließlich die ersten gewesen, die in Wien auf die Barrikaden gingen. Nun bot Käthe Böhm Elektroberatung von Frau zu Frau an. Vorher war sie acht Monate in Amerika gewesen und hatte sich dort die Home Service Departments und die hauswirtschaftlichen Institute angeschaut. Aber die Elektogeräte waren noch zu teuer für Durchschnittverdienerinnen. Die USA galten damals als fortschrittlichstes Land in bezug auf Innovationen. Käthe Böhm hielt Vorträge und erstellte Publikationen. Das Ausstellungswesen war in der Zwischenkriegszeit ebenfalls ein beliebtes Medium, das Böhm nutzte, um Neuerungen zu zeigen. In der Wiener Werkbund-Ausstellung präsentierte sie noch elektrische Küchen, bevor sie flüchten musste.

Bei der Präsentation dieses Porträts erwähnt Frau Kallir plötzlich, dass sie für die weltberühmte Trapp-Familie (Vorbild für den Film „Sound of Music“) die Wäsche machte und zählt deren Haushaltsgeräte auf. „Der Trapp-Kühlschrank wurde mit Eisblocks und mit Gas betrieben, es gab eine Zentrifuge als Trockenschleuder für die Wäsche und der Staubsauger machte einen Riesenkrawall. Das Bügeleisen wurde mit Hilfe von Kohle benutzt“, erinnert sie sich an die späten 1940er Jahre. „Die Trapps hatten zu Anfang keinen Strom, nur Kerosin.“ Die 94jährige findet, dass sich die Leute in Europa durch die Sicherheit und Verschlossenheit der Geräte nicht mehr so auskennen wie früher, als sie noch selbst Geräte zerlegen und reparieren konnten.

Hier kann man sich Fotos von Käthe Böhm und ihrer Musterküche anschauen:

https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/wissen/geschichte/2009648-Kaethe-Boehm-das-Fraeulein-Ingenieur.html

Dieses Portrait wurde gefördert von der MA 57

 

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