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Ich wollte mein Leben mit Kindern verbringen - Evamarie Kallir

19. September 2019

Sie wollte „Menschen, die nirgends richtig Zuhause sind“ unterstützen. Evamarie Kallir arbeitete ab 1956 im SOS Kinderdorf und erzeugte Kunst mit den verlassenen Kindern. Als Mädchen musste sie aus Wien flüchten.

 

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Die kleinen Keramikplatten hängen jetzt an der Wand

 

Ein schwarzer Blumenstrauß auf schwarz, ein blauer Vogel plus Sonne auf rostbrauner Farbe. Lebhaft holt die alte, beinahe blinde Dame die kleinen Keramikplatten von der Wand und dreht sie um. „Die Kinder ritzten in eine Gipsplatte mit Linol-Werkzeugen hinein. Dann drückten sie von hinten Ton hinein, dann kommt das Motiv im Positiven, als erhöhte Oberfläche hinaus. Hinten kann man noch die Abdrücke der Kinder sehen.“ Evamarie Kallir arbeitete in den 50er Jahren im SOS Kinderdorf im Tiroler Imst. Sie erhielt freie Hand vom Direktor Hermann Gmeiner, um sich eine eigene Werkstatt aufzubauen. Amerikanische Quäker_innen schenkten ihr einen Brennofen. „Bei uns lebten Kinder von Besatzungssoldaten. Die Mütter hatten die abgegeben. Kleine schwarze Kinder, aber auch Kinder von Russen, eine kleine Inderin“, erinnert sich die 94jährige. Damals fuhren Tourist_innenbusse ins SOS Kinderdorf, weil die familienmässige Betreuung eine wesentliche soziale Neuerung war. 160 Kinder lebten hier in zwanzig langgestreckten Häusern auf einem Hügel. Die Tourist_innen wurden angehalten für die Kinder Geld zu spenden. Evamarie Kallir erzeugte Produkte für den Andenkenladen. „Ich sehe mich als Handwerkerin, nicht als Künstlerin. Ich habe so ziemlich alles an handwerklichen Sachen gemacht“, sagt Evamarie Kallir und drückt damit den alten Konflikt aus, das weibliches Kunstgewerbe oft nicht als Kunst gesehen wird. Schon im berühmten Bauhaus in Weimar wurden Frauen gerne in die Weberei verbannt und durften höchstens Kindermöbel bauen. Trotzdem nutzten einige Künstlerinnen wie zum Beispiel Ida Kerkovius, ihre Webausbildung, um in der Nazizeit durch Teppichbilder zu überleben. Ihr Lehrer war Paul Klee gewesen.

 

 

Schiele-Mappe auf der Flucht

Vater Otto Kallir besaß eine Galerie in der Nähe des Wiener Stefansdoms. Als die Familie flüchten musste, nahm er eine Mappe mit Egon Schiele-Zeichnungen mit. In der New Yorker Galerie der Enkelin kann man diese frühen Zeichnungen noch heute ansehen. „Schiele war damals völlig unbekannt, Gustav Klimt auch - Spinat und Kochsalat nannten wir ein Klimt-Bild voller Bäume in unserem Speisezimmer. Entartete Kunst durfte man eher ausführen, Egger-Lienz oder Waldmüller hätte man nicht mitnehmen dürfen“, kommentiert die Tochter. Wenn man sich mit Egon Schiele vergleicht, kann man sich wohl kaum als Künstlerin sehen. Trotzdem ging Evamarie Kallir ihren völlig eigenen Weg in der Kunst. Noch heute hat die fast blinde Frau einen Holzofen in ihrer Altbauwohnung in Ottakring. Damals sah sie plötzlich einen Engel in einem Stück Holz für den Ofen und machte einen Holzschnitt, von dem sie mit Papier Abbildungen abzog. Sie zaubert ihn aus dem Holzschrank mit den Schiebetüren heraus – der Engel erinnert natürlich schon an Paul Klees berühmten Engel, der Walter Benjamin gehörte. Auch Siebdruck machte sie mit den Kids. Schablonen-Druck. Ohne Ausbildung – sie hatte nur in der New Yorker Bronx bereits mit Kindern gearbeitet – unterstützte sie diese eifrigen, verlassenen Jungs im SOS Kinderdorf. Sonntags arbeitete sie mit jenischen Kindern, die „Karrner“ genannt wurden, und auch unbedingt in die Werkstatt wollten. Hinter dem SOS Kinderdorf gab es eine große jenische Siedlung, die Leitung des Kinderdorfes wollte aber nicht, dass die Kinder sich mischten. So stand Kallir an ihrem freien Tag ebenfalls in der Werkstatt.

 

Halt in der Religion

„Heute würde man wohl Kunsttherapie dazu sagen, damals sagte man Bastelstube“, lächelt die alte Dame. Ein Holzpodest als Erhöhung unter dem Fenster, damit man aufsteigen und im Fenster sitzen kann. Alte Holzkastl mit Muster, ein hellgrüner Stuhl. „Die Kinder waren von sechs bis dreizehn Jahre alt. Ältere Kinder mussten das Kinderdorf verlassen, denn es gab keine weiterführende Schule in Imst.“ Etliche ihrer Verwandten sind im Holocaust umgekommen. Ihre Familie lebte „jüdisch-assimiliert, aufgeklärt“. „Mir ist das Jüdische später immer wichtiger geworden“, sagt die praktizierende Katholikin Evamarie Kallir, „die Geschichte mit dem brennenden Dornbusch zum Beispiel“. Sie zitiert das Gespräch zwischen Moses und Gott aus dem Alten Testament: „Ich werde bei euch da sein, als der ich da sein werde. Das bedeutet, wir sind ihm wichtig und das geht durch alles durch. Im Grund, in der Tiefe kommen ja die Religionen alle zusammen.“ Sie meint, dass die Assimilation die jüdischen Familien viel verwundbarer machte. „Sie waren nicht religiös, verleugneten das Jüdische aber auch nicht. Sie hatten keinen Halt in der Religion.“ Eine interessante These. „In der Nacht auf den elften März 1938 war so ein Geschrei auf der Straße. Ich konnte nicht schlafen. Gegenüber bei dem Reisebüro wurden die Hakenkreuz-Fahnen gehisst. Da wusste ich, die Erwachsenen können auch nichts machen. Jetzt ist alles aus, die Kindheit aus, die Welt aus, jetzt bricht alles zusammen.“

In Amerika arbeitete Evamarie Kallir im „Day Care Center“ mit schwarzen und weißen Kindern von arbeitenden Müttern. „Ich war weniger gewöhnt als Kinder, die in Problemen aufwachsen. Ich wollte mit Kindern sein, mein Leben mit Kindern verbringen. Man spürt ja, was man machen will. Das habe ich geschafft“, resümiert sie.

Dieses Portrait wurde gefördert von der MA 57

 

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