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Wild entschlossen, den öffentlichen Raum zu nutzen

15. Juli 2018

Landschaftsplanerin Susi Staller

„Das waren eine Horde wilder Mädchen, die sind im Park brav am Bankerl gesessen und im Garten haben sie dann wild den Hammer geschwungen“, erzählt die Landschaftsplanerin Susi Staller über den Mädchengarten bei der Szene Wien. „Die waren wild entschlossen.“ Susi Staller ist eine Pionierin und zwar in mehrfacher Hinsicht. Als sie begann, Landschaftsplanung zu studieren, war das Landschaftplanungs-Studium nur ein Studienversuch und es sollte sogar wieder abgeschafft werden! Denn es gab nur zusammengestoppelte Vorlesungen aus allen Richtungen. Professoren meinten: „Was ihr studiert, bringt nichts, denn ihr lernt nur von allem ein bissl und könnt am Ende nichts richtig.“ Nach einer riesigen Demonstration der StudentInnen entschied sich die Universität für Bodenkultur dann doch das Regelstudium einzuführen. Susis Opa hatte ein Tapezierer- und Polsterergeschäft in der Wiener Belvederegasse, das ihre Eltern übernahmen. Als Kind spielte sie sehr oft dort. Den Bezug zur Natur und den Wunsch, den öffentlichen Raum und ihre erweiterte Umgebung zu gestalten, hätte sie aber eher von den Wanderungen hinaus aus der Großstadt, meint sie heute.

Einfach anfangen zu arbeiten

Pionierin ist Staller aber auch, was den Feminismus betrifft. Denn sowohl der Mädchengarten bei der Szene Wien, als auch der Umbau des Einsiedlerparkes waren neu, vorher gab es noch kein spezielles Eingehen auf die Wünsche und Bedürfnisse von Mädchen im öffentlichen Raum. Auf der BOKU gründeten die Studentinnen selber eine Frauengruppe, eine erste Lehrveranstaltung zu geschlechtsspezifischen Aspekten in der Planung gab es bei Jutta Kleedorfer, der späteren Koordinatorin für Mehrfachnutzung der Gemeinde Wien. „Magst nicht mitmachen, wir gründen eine Frauengruppe“, hieß es. Nach dem Studium gab es keine Jobs. „Wir haben einfach angefangen zu arbeiten. Wir wussten, wie wir uns neue Themen erarbeiten und hatten Projektarbeit in Gruppen gelernt und die machten wir dann auch weiterhin.“ Staller gründete 1999 ein eigenes Landschaftsplanungsbüro, nach dem Baum „Linde“ mit Tilia benannt. In diesem arbeiten bis heute alles Frauen. Am Anfang standen Beobachtungen in den Parks. Eva Kail, die Leiterin der MA 57, lobte einen Wettbewerb aus, in dem Architektinnen die Frauen Werk Stadt in Floridsdorf bauten, leider ohne Landschaftsplanung. Es folgte ein Wettbewerb für die Parkgestaltung und das Büro Tilia gewann den Einsiedlerpark. Ein anderes Frauenbüro den heutigen Bruno Kreisky Park.

Feministische, nicht „Frauenfreundliche“ Planung

Der Einstieg war nicht einfach. „Wir waren als junges Büro beim Stadtgartenamt nicht willkommen. Wir mussten uns vieles hart erarbeiten, aber wir haben es geschafft. Es gab aber ein paar Frauen in der Gemeinde Wien, die uns unterstützt haben“, resümiert Staller. Kritik am Begriff „Frauenplanung“ wurde in den Raum gestellt, denn die war bloß „frauenfreundlich“ und nicht feministisch. In einer gewissen Phase gab es dann plötzlich nur mehr Gender Mainstreaming Projekte. Schluss war es mit dem Feminismus! Tilia entwickelte ein Gender City Planspiel und beriet die BeamtInnen. Inzwischen wird das Büro Tilia aber für alle möglichen Projekte geholt, vor allem für „schwierige und solche mit sozialen Anliegen“, wie Susi Staller meint. Am Reumannplatz wurden „alle abgeholt“. Der wird nämlich bald umgebaut. Leider werden oft Pläne verändert, so konnte aus finanziellen Gründen nur die Hälfte des Einsiedlerparks umgebaut werden.

Susi Stallers letztes Projekt war der öffentliche Nasch- und Pflückgarten, den sie für die Gebietsbetreuung Floridsdorf aufbaute. Auf dem Craftistas-Ausflug treffen wir zwei ältere Frauen vom Gemeindebau, die zufrieden unter der Böschung mit den Maulbeerbäumen, in ihrem Garten sitzen. „Ich bin die Gründerin“, stellt sich Susi vor. Wild und heiß ist dann der öffentliche Garten, in dem wir bei Sonnenuntergang ankommen. Wir sitzen auf beinahe überwachsenen Palettenmöbeln.

http://www.tilia.at/

Mädchengarten, Boku-Frauengruppe und Pflückgarten in Floridsdorf: Ein Porträt der Landschaftsplanerin Susi Staller. In unserer Porträt-Reihe.

Dieses Portrait entstand im Rahmen der Workshopreihe "Frauen*portraits erleben", welche von der MA57 FrauenStadt Wien gefördert werden und wurde beim Workshop "Palettenmöbel bauen" vorgestellt.

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